Usbekistan – Türkei: Perspektiven für eine umfassende strategische Partnerschaft

Die Formel „umfassende strategische Partnerschaft“ in den Beziehungen zwischen Usbekistan und der Türkei ist in den letzten Jahren nicht mehr eine diplomatische Floskel, sondern hat konkrete Inhalte bekommen.
Politischer Dialog, wirtschaftliche Zusammenarbeit, humanitäre Kontakte und Verkehrsanbindung sind wichtige Bestandteile der aktuellen systemischen Beziehungen zwischen Usbekistan und der Türkei.
Eine Analyse des aktuellen Stands der Partnerschaft zwischen den beiden Ländern lässt den Schluss zu, dass Taschkent und Ankara erfolgreich eine institutionelle Architektur für eine umfassende strategische Partnerschaft geschaffen haben. Sein zentraler Mechanismus ist der Rat für strategische Zusammenarbeit auf hoher Ebene unter dem gemeinsamen Vorsitz der Präsidenten beider Länder, dessen vierte Sitzung für 2026 geplant ist. Dieses Format gewährleistet einen systematischen politischen Dialog und die Koordinierung gemeinsamer Bemühungen in einer Vielzahl von Bereichen.
Ein zentraler Faktor für die Effizienz dieses institutionellen Systems ist der aktive und vertrauensvolle Dialog zwischen den Präsidenten Shavkat Mirziyoyev und Recep Tayyip Erdogan, der durch regelmäßige Telefonate und häufige Treffen am Rande internationaler Veranstaltungen gepflegt wird. Diese persönliche Dimension verleiht der strategischen Zusammenarbeit Dynamik und schafft einen günstigen Hintergrund für die Vertiefung der praktischen Zusammenarbeit auf der Ebene der Regierungen, der Wirtschaft und der Expertengemeinschaften beider Länder.
Eine zusätzliche Dimension verleihen den usbekisch-türkischen Beziehungen die Interaktionen im Rahmen der Organisation der Turkstaaten (OTS). Die Beteiligung von Taschkent und Ankara an den Aktivitäten dieser Struktur ermöglicht es, staatliche Initiativen auf eine breitere regionale Ebene zu heben und Synergien mit anderen Ländern der türkischen Welt aufzubauen. Die OTG-Gipfeltreffen, darunter auch die im Jahr 2025, haben das Bestreben der Teilnehmer gezeigt, alle Bereiche der Zusammenarbeit – von Wirtschaft und Verkehr bis hin zu Kultur und digitaler Entwicklung – mit praktischem Inhalt zu füllen.
Für Usbekistan und die Türkei ist dies eine Gelegenheit, gemeinsame Projekte voranzutreiben, Ansätze für die regionale Agenda abzustimmen und ihre Positionen in einem größeren geopolitischen Raum zu stärken.
Gleichzeitig hat die Zusammenarbeit zwischen Usbekistan und der Türkei eine bedeutende regionale und internationale Dimension. So diskutierten die Parteien während des Treffens im Format „4+4“ im Januar 2026 die Lage in Afghanistan, Gaza, der Ukraine und Syrien, was das Bestreben beider Staaten bestätigte, ihre Positionen zu aktuellen Fragen der Weltagenda zu koordinieren.
Vor dem Hintergrund der Stärkung des politischen Verständnisses und der institutionellen Konsolidierung der usbekisch-türkischen Partnerschaft wird dem wirtschaftlichen Bereich als Motor für die weitere Entwicklung der Beziehungen vorrangige Aufmerksamkeit gewidmet.
Am deutlichsten lässt sich dies an den Zahlen des gegenseitigen Handels ablesen. Das Handelsvolumen belief sich 2025 auf über 3 Milliarden Dollar, was einen erheblichen Fortschritt im Vergleich zu den Zahlen von vor acht Jahren darstellt. Das Ziel, den Warenumsatz mittelfristig auf 5 Milliarden Dollar und langfristig auf 10 Milliarden Dollar zu steigern, bleibt aktuell und spiegelt das Potenzial beider Länder wider.
Von besonderer Bedeutung ist die Struktur der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dabei geht es nicht nur um den Handel, sondern auch um den Aufbau einer nachhaltigen Investitionspräsenz. Ende 2025 waren im Land mehr als 2.100 Unternehmen mit türkischem Kapital tätig, was die Stabilität des türkischen Geschäftsumfelds in Usbekistan unterstreicht. Dies ist einer der höchsten Werte unter den ausländischen Partnern von Usbekistan. Die Dynamik der türkischen Direktinvestitionen spiegelt die stetige Stärkung dieses Bereichs der Zusammenarbeit deutlich wider: Im Jahr 2024 wurden in Usbekistan 2,2 Milliarden Dollar investiert, im Zeitraum Januar bis Oktober 2025 waren es 2,9 Milliarden Dollar.
Gleichzeitig arbeiten beide Seiten systematisch daran, die wirtschaftliche Komponente auszubauen. Insbesondere im Rahmen der 4. Sitzung der gemeinsamen strategischen Planungsgruppe, die am 21. Januar 2026 stattfand, wurden Fortschritte bei der Umsetzung des Aktionsplans der 8. Sitzung der Gemeinsamen Wirtschaftskommission (GWK) festgestellt. Die Schlüsselrolle der GWK als wirksamer Mechanismus für die Entwicklung praktischer Handels- und Wirtschaftsbeziehungen wurde hervorgehoben.
Für Usbekistan ist die Zusammenarbeit mit der Türkei insofern wertvoll, als türkische Unternehmen neben Kapital auch Managementerfahrung, Technologien und Produktionskultur mitbringen. Für die Türkei wiederum ist der usbekische Markt als dynamisch wachsende Wirtschaft mit 38 Millionen Einwohnern und steigender Binnennachfrage interessant. Diese Konstellation von Interessen deutet auf eine langfristige Komplementarität der Beziehungen hin.
Unterdessen möchte ich einen der auffälligen Trends des Jahres 2025 hervorheben – die Entwicklung der Verkehrsanbindung zwischen den beiden Ländern, vor allem im Luftverkehr. Die Zahl der wöchentlichen Flüge hat 97 erreicht, und das Streckennetz wurde auf 8 Ziele erweitert. Die Ausweitung der geografischen Reichweite und der Häufigkeit von Direktflügen zwischen Taschkent, Samarkand, Namangan, Andischan, Ankara, Istanbul und Izmir trägt zur Steigerung der geschäftlichen Mobilität, der Touristenströme und der humanitären Kontakte bei. Die Einführung neuer Flugstrecken sowohl durch nationale als auch private Fluggesellschaften war ein konkreter praktischer Schritt zur weiteren Annäherung.
Dabei sorgt die Zunahme der Flugverbindungen nicht nur für mehr Komfort für die Passagiere, sondern hat auch einen breiteren wirtschaftlichen Effekt: Sie erleichtert Kontakte zwischen Unternehmern, vereinfacht die Teilnahme an Messen und Verhandlungen und gewährleistet die Verfügbarkeit von Begleitpersonal für gemeinsame Projekte. Perspektivisch schafft dies auch Voraussetzungen für die Entwicklung des Luftfrachtverkehrs, was zweifellos zur Stärkung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen beitragen wird.
Parallel dazu zeigt auch die Zusammenarbeit im Energiebereich eine positive Dynamik. Türkische Unternehmen beteiligen sich aktiv an der Modernisierung der Energieinfrastruktur von Usbekistan, insbesondere an Projekten zur Entwicklung erneuerbarer Energiequellen, was zur Minimierung des CO2-Fußabdrucks im Industriesektor und zur Erreichung langfristiger Ziele der nachhaltigen Entwicklung beiträgt.
Vor diesem Hintergrund ist die besondere Rolle der kulturellen und humanitären Zusammenarbeit hervorzuheben. Die gemeinsamen historischen, kulturellen und sprachlichen Wurzeln schaffen eine günstige Grundlage für die Ausweitung der Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und Tourismus. In Usbekistan gibt es erfolgreich funktionierende Filialen führender türkischer Universitäten, es werden gemeinsame Bildungsprogramme durchgeführt und es findet ein Austausch von Studenten und Lehrkräften statt.
Die Zahlen zum Tourismusaustausch zwischen den Ländern zeigen ebenfalls ein stetiges Wachstum. Nach den Ergebnissen des Jahres 2025 gehörte die Türkei zu den fünf führenden Ländern hinsichtlich der Zahl der Touristen, die Usbekistan besucht haben. Die Türkei wiederum ist eines der beliebtesten Reiseziele für Usbeken. Die Zahlen spiegeln nicht nur die Attraktivität des türkischen Tourismusmarktes wider, sondern auch die allgemeine Zunahme der Mobilität der Bevölkerung. Die weitere Förderung der Beziehungen in diesem Bereich wird zur Stärkung des interkulturellen Dialogs und der Volksdiplomatie beitragen. Gerade diese Faktoren werden langfristig eine solide soziale Grundlage für die bilaterale Partnerschaft bilden.
Insgesamt lassen sich aus der Analyse der Dynamik der Beziehungen im Jahr 2025 mehrere Bereiche herausarbeiten, die für die Vertiefung der usbekisch-türkischen Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung sein könnten.
Erstens die Entwicklung der industriellen Zusammenarbeit. Das bereits bestehende Netzwerk von Joint Ventures kann die Grundlage für komplexere Projekte bilden, die sowohl auf den Binnenmarkt als auch auf den Export in Drittländer ausgerichtet sind. Dieser Ansatz entspricht voll und ganz den strategischen Zielen beider Volkswirtschaften.
Zweitens: Transport, Logistik und Infrastruktur. Der Ausbau des Flugverkehrs ist zweifellos ein wichtiger Schritt, aber das Potenzial für die Zusammenarbeit in diesem Bereich ist wesentlich größer und umfasst die Entwicklung des multimodalen Verkehrs, der Lagerinfrastruktur und digitaler Lösungen im Handel.
Drittens: Dienstleistungen und Humankapital. Die Türkei verfügt über umfangreiche Erfahrungen in den Bereichen Tourismus, Medizin, Bauwesen und Bildung. Für Usbekistan eröffnet die Zusammenarbeit in diesen Bereichen nicht nur Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch, sondern auch zum gemeinsamen Eintritt in regionale Märkte.
Zusammenfassend möchte ich betonen, dass sich die usbekisch-türkischen Beziehungen derzeit auf einer vertrauensvollen und konstruktiven Grundlage entwickeln und damit ihre Reife und Stabilität unter Beweis stellen. Die Parteien zeigen Pragmatismus und Bekenntnis zum Prinzip der Berücksichtigung gegenseitiger Interessen, und die wachsende Zahl von Joint Ventures, die sich ausweitenden Verkehrsverbindungen, der zunehmende Tourismus und der stabile politische Dialog bilden eine solide Grundlage für die weitere Entwicklung der Zusammenarbeit.
Alisher Kadirov,
Leiter der Abteilung des Instituts für strategische und interregionale Studien beim Präsidenten der Republik Usbekistan