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Usbekistan forciert regionale Kooperation

02.07.2018

Neue Chancen für deutsche Firmen in Zentralasien / Von Uwe Strohbach

Taschkent (GTAI) - Die neue usbekische Regierung hat eine Umkehr von der bisherigen Abschottungspolitik hin zu einer intensivierten regionalen Wirtschaftskooperation eingeleitet. Die wiederbelebten Wirtschaftsbeziehungen mit den Nachbarn Kirgisistan und Tadschikistan sowie der angestrebte Ausbau der Handelsströme mit den übrigen zentralasiatischen GUS-Republiken und dem benachbarten Afghanistan rücken das Land wieder stärker in das Blickfeld der ausländischen Geschäftswelt.

Usbekistans beschleunigte Integration in den zentralasiatischen Wirtschaftsraum ist fester Bestandteil der von der usbekischen Regierung Ende 2016/Anfang 2017 eingeleiteten Liberalisierung und Marktöffnung. Wieder durchlässige Grenzen für den Warenaustausch, neue und wiederbelebte regionale Transportkorridore sowie gemeinsame Projekte mit den Nachbarstaaten in der Energie- und Landwirtschaft, in der Industrie und im Tourismus machen das Land zweifelsohne als Wirtschafts- und Investitionsstandort wieder attraktiver. Usbekistans vertiefte Wirtschaftskooperation erfüllt eines der wichtigsten Erfordernisse kleiner und mittlerer ausländischer Unternehmen an den Markt: die mögliche Bedienung einer zahlungskräftigen Nachfrage in einer erforderlichen "kritischen Masse".

Während der Amtszeit des früheren Präsidenten Islam Karimow verfolgte Usbekistan zum vermeintlichen Schutz der nationalen Identität und Sicherheit eine Politik der Abschottung und des Protektionismus. Die strittige Verteilung regionaler Wasserressourcen, Grenzkonflikte, innerethnische Spannungen in grenznahen Gebieten sowie verdeckte Rivalitäten zwischen den politischen Führungen der Länder ließen die Wirtschaftskontakte zu den Nachbarn Tadschikistan und Kirgisistan gänzlich abrechen und belasteten die Beziehungen zu Kasachstan und Turkmenistan.

Darüber hinaus behinderten die fehlende Konvertibilität der nationalen Währung, des Usbekistan-Sum (U.S.), und übertriebener Protektionismus den direkten Handel mit den Nachbarländern erheblich. Ein in Usbekistan produzierendes ausländisches Unternehmen hatte kaum eine Chance, seine Produkte auf den Nachbarmärkten zu vertreiben. Es sei denn, es gehörte zu den vom usbekischen Staat mit besonderen Privilegien ausgestatteten Investoren. Der extrem erschwerte regionale Handel war einer der Hauptgründe für das sehr verhaltene Interesse westlicher Investoren an einem Engagement in Usbekistan.

Viele dieser angestauten Hürden sind bereits abgebaut. Für die noch offenen Fragen will Usbekistan mit den Nachbarländern akzeptable Lösungen suchen. Die gilt zum Beispiel für die Zollabwicklung an den Grenzen, die Tarifpolitik im Transportgewerbe sowie die mangelhafte grenzüberschreitende Transport- und Energieinfrastruktur.

Jährlicher Handel mit Tadschikistan soll auf eine Milliarde US-Dollar steigen

Die Schaffung von Voraussetzungen für die Wiederbelebung der eingefrorenen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der Republik Tadschikistan gehörte zu den ersten Amtshandlungen des neuen usbekischen Präsidenten Shawkat Mirsojojew. So sind das 2009 unterbrochene Stromnetz und die zwei Jahre später eingestellte Bahnverbindung zwischen Usbekistan und Tadschikistan seit dem Frühjahr 2018 wieder in Betrieb.

Die usbekische Öl- und Gasgesellschaft O´zbekneftgaz beliefert den südöstlichen Nachbarn nach einer zehnjährigen Unterbrechung wieder mit Gas. Hauptabnehmer ist der tadschikische Industriegigant, das Aluminiumwerk TALCO. Mittelfristig streben Usbekistan und Tadschikistan ein jährliches Handelsvolumen von bis zu 1 Milliarde US-Dollar (US$) an. Im Jahr 2015 belief sich der bilaterale Handel auf bescheidene 12 Millionen US$, 2017 bereits auf 126 Millionen US$.

Montage von Fahrzeugen und Haushaltsgeräten in Kirgisistan geplant

Nicht minder rege werden die Wirtschaftsbeziehungen mit der Republik Kirgisistan revitalisiert. Bewegung kommt in das ehemals eingefrorene Projekt einer Bahntrasse von der VR China über Kirgistan nach Usbekistan. Der usbekische Fahrzeugbauer GM Uzbekistan erwägt den Aufbau einer Pkw-Montage (Marke Nexia) in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek oder in der westkirgisischen Stadt Osch. Weitere usbekische Unternehmen wollen in Kirgistan künftig Busse, Waschmaschinen sowie Fenster und Türen produzieren.

Kirgisistan beliefert Usbekistan in den Sommermonaten wieder mit überschüssigem Strom aus seinen Wasserkraftwerken. Usbekistan vereinbarte mit Turkmenistan die Lieferung von turkmenischem Strom nach Kirgisistan via Usbekistan. Der kirgisisch-usbekische Handel legte nach Angaben der kirgisischen Statistik 2017 gegenüber dem Vorjahr um fast 60 Prozent auf 310 Millionen US$ zu. Im Jahr 2018 sind bis zu 500 Millionen US$ anvisiert.

Kräftiges Wachstum im Handel mit Kasachstan

Kasachstan bleibt auch künftig Usbekistans wichtigster Wirtschaftspartner in Zentralasien. Im Frühjahr 2018 vereinbarten die Regierungen beider Länder einen massiven Ausbau des bilateralen Außenhandels. Im Jahr 2018 sollen die gegenseitigen Warenlieferungen gegenüber dem Vorjahr um etwa 50 Prozent auf 3 Milliarden US$ zulegen. Für das Jahr 2020 wird eine Marke von 5 Milliarden US$ angepeilt.

Auf der aktuellen bilateralen Projektliste stehen unter anderem die Modernisierung der Zoll- und Warenumschlag-Infrastruktur an der usbekisch-kasachischen Grenze, die Errichtung eines grünen Korridors für schnelle Lieferungen von Obst- und Gemüse, eine vertiefte Kooperation im Fahrzeugbau, gemeinsame Projekte im Schienenverkehr einschließlich der Fertigung von rollendem Material sowie die gemeinsame Produktion von Baustoffen durch die kasachische Firmengruppe BI und die usbekische Industriezweigvereinigung für die Baustoffindustrie O'zqurilishmateriallari.

Turkmenistan wird wichtiger Partner im Transportgewerbe

Mit dem östlichen Nachbarn Turkmenistan will Usbekistan vor allem im Transport- und Logistiksektor intensiver kooperieren. Kernpunkte eines bilateralen Branchenprogramms für den Zeitraum 2018 bis 2010 sind unter anderem ausgebaute Abfertigungskapazitäten und eine vereinfachte Zollabwicklung an der usbekisch-turkmenischen Grenze, die Nutzung des neuen Seehafens in Turkmenbaschi für den Warenumschlag usbekischer Güter in Richtung Europa sowie eine Kooperation im Eisenbahntransport.

Im Frühjahr 2018 vereinbarten usbekische und turkmenische Unternehmen gemeinsame Projekte in der Industrie und anderen Sektoren in einem Volumen von 250 Millionen US$. Usbekistan ist interessiert, sich direkt oder indirekt an der Errichtung der Gaspipeline TAPI (Turkmenistan-Afghanistan-Afghanistan-Pakistan-Indien) zu beteiligen. Der bilaterale Handel soll sich bis zum Jahr 2020 auf mindestens 500 Millionen US$ gegenüber 2017 (177 Millionen US$) nahezu verdreifachen.

Deutliche Intensivierung der Kooperation mit Afghanistan angestrebt

Usbekistan ist einer der Hauptwirtschaftspartner Afghanistans. Das Land wird geografisch oft als integraler Bestandteil Zentralasiens betrachtet. Usbekische Experten errichteten in Afghanistan mehrere Anlagen für die Stromversorgung und die Transportinfrastruktur. Ende 2017 verabschiedeten die Regierungen beider Länder einen Fahrplan für den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen. Der jährliche bilaterale Handel soll bis 2020/21 von gegenwärtig rund 0,6 Milliarden auf bis zu 1,5 Milliarden US$ steigen.

Usbekistan will sich bei der Verlängerung der afghanischen Bahntrasse Hairatan (Grenze zu Usbekistan)-Masar-e Scharif nach Scheberghan, Maimana und Herat engagieren. Die 75 Kilometer lange Trasse von Hairatan nach Masar-e Scharif errichteten usbekische Firmen in den Jahren 2009 und 2010 mit finanzieller Unterstützung der Asiatischen Entwicklungsbank. Ein weiteres mögliches Kooperationsprojekt, den Bau einer 94 Kilometer langen Gaspipeline von Scheberghan nach Masar-e Scharif, prüfen gegenwärtig Experten beider Länder. Die Region um Scheberghan verfügt über erhebliche Gasvorkommen.

Quelle: http://www.gtai.de