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Frischer Wind in Zentralasien

30.03.2019

Die Voraussetzungen der zentralasiatischenLänder im Bereich Energie sind so unterschiedlich wie ihre wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Doch nun ergreift der neue usbekischen Präsident die Initiative,um die Region genau auf diesem Gebiet zusammenzubringen.

Die Himmel leuchtet strahlend blau, so wie fast immer in Zentralasien. Doch es hat sich etwas verändert. Wandel liegt in der Luft. Das Zentrum Zentralasiens liegt in Usbekistan. Dort hat im Dezember 2017 ein neuer Präsident sein Amt angetreten: Schawkat Mirsijojew. Seit dem Tod seines Vorgängers Islam Karimow am 2. September 2016 hatte Mirsijojew die Amtsgeschäfte vorübergehend übernommen. Die Wahl im Dezember 2016 machte ihn zum neuen Präsidenten der 33 Millionen Usbeken. Vom ersten Tag an begann damit für Usbekistan eineneue Ära. Mirsijojew ordnete schnelle und umfassende Reformenan, setzt auf gute Beziehungen zu den Nachbarn, auf eine regionale Zusammenarbeit und sorgt für eine Öffnung zur Welt. Damit begibt er sich auf völlig neue Wege. Zu den Nachbarn baut er das Vertrauen aus und nimmt sie mit in eine neue, gemeinsame Entwicklung. Wie und mit welchen Themen, das zeigte sich auf der Internationalen Konferenz „Central Asia Connectivitiy: Challenges und new Opportunities“, die vom 19. bis 20. Februar 2019 in Taschkent stattfand.

Neue Ära in Usbekistan

Die ersten, klaren Anzeichen einer Zeitenwende in Usbekistan gab es bereits auf der internationalen UN-Konferenz „CentralAsia: Shared Past and Common Future, Cooperation for Sustainable Development and Mutual Prosperity“ am 10. und 11. November 2017 in Samarkand, wo der neue Präsident seine Pläne bekannt gab. Sämtliche fünf Außenminister der Region unterzeichneten ein Dokument, in dem sie die gemeinsame Arbeit besiegelten. Die EU steht ihnen dabei beratend zur Seite.

Neue Handelsrouten und Verkehrswege entstehen querdurch Zentralasien und bis nach China, die meisten auf Betreibender chinesischen Belt and Road Initiative. Aber auchabseits dieser Entwicklung gibt es neue Verbindungen zwischenden 63 Millionen Zentralasiaten, von denen 33 in Usbekistan,15 in Kasachstan, und jeweils fünf Millionen in Turkmenistan, Kirgisistan und Tadschikistan wohnen. Auch Afghanistan wird langsam in die Zusammenarbeit aufgenommen.

Win-Win Lösungen für Konflikte „Wir sind offen für alle“, stellt der erste stellvertretende Außenminister Ilchom Nematow fest. Mit wenigen Worten fasst er damit die neue Politik zusammen. „Der Präsident hat vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an verkündet, dass ihm die Außenpolitik mit unseren nächsten Nachbarn besonders wichtig ist.“ Jeden der Nachbarn hat der Präsident besucht. In vielen persönlichen Gesprächen wurden gemeinsame, pragmatische Win-win Lösungen für die zahlreichen Probleme gesucht und viele gefunden. Wo Experten Zündstoff für neue Auseinandersetzungen sahen, kamen Lösungen auf den Tisch.

So wurden die Grenzen mit Tadschikistan und mit Kirgisistan zu mehr als 90 Prozent markiert und die über 25 Jahre lang geschlossenen Grenzen geöffnet.

Auch beim Thema Wasser, Jahr um Jahr ein Anlass für neuen Streit, fand sich eine einvernehmliche Lösung. Die Oberlieger Kirgisistan und Tadschikistan stauten es hinter großen Dämmen, um damit Strom zu erzeugen. Die Unterlieger Usbekistan,Kasachstan und Turkmenistan aber sind während der Vegetationsphase für ihre Ernten darauf angewiesen. Alternativen gibt es nicht. Eine Lösung fand sich, indem Usbekistanan bot, sich an den Kosten für den neuen Staudamm zu beteiligen, wohl in der Hoffnung, für den Betrieb eine gemeinsame Lösung zu finden.

Ein neuer, gemeinsamer Markt in Zentralasien

Die neue Dynamik, die Usbekistan als „double landlocked country“ jetzt aus der Isolierung führt, bietet auch den Nachbarn neue Perspektiven und Chancen. Gemeinsam übersteigendie Länder die kritische Größe von 60 Millionen Menschen und bilden damit einen interessanten Markt.
So soll ein gemeinsamer Strommarkt entstehen. Wer und mit welchen Mitteln dazu beiträgt, das steht noch zur Diskussion.

Die Voraussetzungen der Länder sind sehr unterschiedlich. Einigkeit besteht aber darüber, dass die Energieversorgung nachhaltig gesichert und weiterentwickelt werden muss, damit Investitionen in die Region kommen und Wirtschaft und Wohlstand wachsen. Noch gehören mehrere Länder Zentralasiens zu den ärmsten der Welt. Die Hälfte der dort lebenden Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter muss im Ausland arbeiten, die meisten in Russland. Das wiederum schafft soziale Probleme, sowohl in Zentralasien als auch in Russland.

Die Entscheidungen über die Energieträger haben nicht nur ökonomische, sondern auch politische Aspekte. Kasachstan und Russland sähen gern ein erstes Kernkraftwerk in Usbekistan.

Beide Länder gehören der Eurasischen Wirtschaftsunion an, ebenso wie Kirgisistan. Auch die usbekische Kohle sollte mit neuen Schächten zur Energieversorgung beitragen,so ein Plan, und das, obwohl weltweit die Kohleförderung zurückgefahren wird.

Wasserkraft bringen weiterhin die beiden Oberliegerstaaten Kirgisistan und Tadschikistan ein. Beide Länder bestehen zu mehr als 90 Prozent aus Bergen. In schwer erreichbaren Regionen können dort Solaranlagen den benötigten Stromproduzieren.

Ein enormes Potenzial bieten Windräder und Solaranlagen für Turkmenistan mit seinen ausgedehnten Wüsten. Die gewaltigen Gasressourcen könnten nach Westen exportiert werden.

Das Aktau-Abkommen vom 12. August 2018 hat dafür gute Voraussetzungen geschaffen. Schon jetzt führt eine über 5.000 Kilometer lange Pipeline von den turkmenischen Gasfeldern nach China.

Mit 300 Tagen Sonne im Jahresdurchschnitt bieten sich auch Usbekistan und Kasachstan hervorragende Möglichkeiten.
Der fast ständig wehende Wind über den weiten, kaumbewohnten Steppen und Wüsten könnte Windräder antreiben und Solarzellen laden. Pläne zum Einsatz erneuerbarer Energien hat Kasachstan bereits auf der EXPO 2017 in Astana gezeigt.

Im Februar 2019 nahm der größte Solarpark in Zentralasienseinen Betrieb in der Region Karaganda auf. Modernste Technologie kommt zum Einsatz und bringt so eine hohe Effizienz.

Der Park hat eine Leistung von 100 Megawatt, was einer Versorgung von zehn kleineren Städten entspricht. Seine Lebensdauer soll 40 Jahre betragen. Zwei weitere Solarparks mit einer Leistung von 90 Megawatt sind im Bau. Bis 2030 will Kasachstan 30 Prozent seiner Elektrizität mit erneuerbaren Energien herstellen. Allerdings zählt in Kasachstan auch die Atomenergie zu den erneuerbaren Energien.

Gemeinsames Interesse: Investitionen und Wachstum

So unterschiedlich die Voraussetzungen im Bereich Energie sind, so vielfältig sind auch die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten in Zentralasien. Während in Turkmenistan der Personenkult und die Verehrung kaum Grenzen kennen, hat Tadschikistan gerade diesen Kurs wieder eingeschlagen.

Dagegen zeigt die Entwicklung von Kirgisistan und Kasachstan Fortschritte in Teilhabe, mehr Chancen für Bildung und langsam wachsenden Wohlstand, wenn auch die Korruption noch weit verbreitet ist. Doch trotz der verschiedenen Voraussetzungen der fünf Zentralasiaten hat doch die Initiative des neuen usbekischen Präsidenten alle zu einer gemeinsamen Regionalpolitik zusammengebracht. Alle brauchen dringend wirtschaftliche Erfolge. Usbekistan hat sich deshalb einem radikalen Umdenken verschrieben und reformiert in allen Bereichen.

Im Zentrum der neuen Entwicklung stehen Usbekistan gemeinsam mit Kasachstan, die jetzt in sorgsamer Abstimmung die regionale Entwicklung voranbringen: Kasachstan, das mit Präsident Nasarbajew stets strategisch weit voraus plant und zur Zeit die größte Modernisierung aufweist, und Usbekistan, das sich seit zwei Jahren auf den Weg begeben hat und jetzt aufholt. Die Dynamik ist beeindruckend.

Dr. Birgit Wetzel

Quelle: OstContact 03/04 2019