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Miniaturmalerei in Kreuzberg Zweihaarpinsel

21.03.2019

von Helena Davenport

„al-barzakha“ heißt im Islam der schmale Grat zwischen der materiellen und der spirituellen Welt, der nur unter bestimmten Bedingungen überschritten werden kann – etwa im Traum oder in Trance. Eben diese Grenze hält DavlatToshev in seinen fabelhaften Bildern fest. Da wäre etwa der massige Körper eines Elefanten mit einem Sitz auf seinem Rücken. Eine Person mit weißem Turban bedankt sich dort oben gerade für eine gereichte Kostbarkeit.

Der Elefant scheint mit seiner Umwelt zu verschmelzen, besteht er doch aus unzähligen kleineren Kreaturen: blauen Hasen, Fischen, Panthern und Affen. In der Luft breitet ein bunter Phoenix derweil seine Flügel aus. „Shifting Knowledge“ heißt die Schau in der Bumiller Collection (Naunynstraße 68, bis 13. April), die in Zusammenarbeit mit der Botschaft Usbekistans entstand. Toshevs Arbeiten werden hier mit usbekischen Metall- und Keramikobjekten aus der Sammlung gezeigt.

Miniaturmalerei als Familientradition

Beeindruckend ist die Präzision, mit der der usbekische Miniaturmaler seine kleinformatigen Fantasiewelten gestaltet, jeder Millimeter enthält eine neue Information. Nicht selten öffnen sich in seinen Bildern weitere Räume mit noch mehr Geschöpfen. Zwei bis drei Monate lang malt der 44-Jährige, der seine Familientradition in vierter Generation fortführt, mit einem zweihaarigen Pinsel an einem Bild. Als Bezahlung nimmt er am liebsten alte Buchseiten aus Seidenpapier entgegen, die ihm den Untergrund für weitere Kreationen liefern.

Die Miniaturmalerei entwickelte sich zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert – hier hatte sie auch ihre Hochzeiten, bis sie mehr oder weniger in Vergessenheit geriet. Die meisten erhaltenen Miniaturen hätten in Manuskripten des 16. Jahrhunderts überlebt, die in der usbekischen Stadt Bukhara kopiert wurden, schreibt der Usbekistan-Experte GulomovShokhrukh im Ausstellungskatalog. Durch die Bürgerkriege Anfang des 20. Jahrhunderts habe das Genre in dem zentralasiatischen Land an Bedeutung verloren, um dann in den Siebzigern und Achtzigern ein Revival zu feiern.

Toshey ließ sich von Dichtern inspirieren

Toshevs Tochter MunisaBuronova, Jahrgang 1998, malt ebenfalls. Sie ist die erste Frau in der Familie, die das Handwerk ausführt. Ihre Farben sind noch knalliger, die Konturen schärfer. Die Bumiller Collection zeigt auch einige ihrer Arbeiten. Toshev selbst erlernte die Malweise ab dem Alter von sechs Jahren. Zu seinen Motiven lässt er sich von Dichtern des Mittelalters inspirieren, etwa vom Sufi-Poeten Rumi, weswegen über seine Bildflächen auch Derwische tanzen. Außerdem kommen unzählige glänzend rote Granatäpfel vor, die für Leben und Fruchtbarkeit stehen. Und Pflanzen ranken sich nahezu auf jeder seiner Arbeiten zwischen den geschäftigen Menschen empor.

Seine Bildgestalten steckt Toshev oft in aufwändig gemusterte Kleidung, lässt sie musizieren, baden, essen, reiten. Einiges ist zum Schmunzeln, sieht ein Schoßkätzchen doch tatsächlich wie Garfield aus. Modernere Szenarien kommen nicht vor, zeitgenössischen Alltag bildet der Miniaturmaler nicht ab, auch keine Missstände oder Krieg. Selbst ein Ungeheuer mit Hörnern und Teufelsschwanz lächelt bei ihm friedvoll aus der Märchenwelt heraus.

Quelle: DER TAGESSPIEGEL
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